Plötzlich bebte das gigantische SoFi-Stadium in Los Angeles doch noch. Plötzlich wurden die 69.237 Zuschauer aus ihrer Lethargie gerissen. Was waren sie zuvor von Kanada und Südafrika im ersten Sechzehntelfinale über 90 Minuten eingelullt worden. Doch dann das. Über die rechte Seite segelte eine hohe Flanke in den Strafraum von Bafana Bafana. Die erste Welle konnten die Südafrikaner noch brechen, dann aber schoss Stephen Eustaquio aus der Distanz. Der Ball tropfte von seiner Brust ab, fiel perfekt vor seinen Fuß - Tor, 1:0 (92.), Achtelfinale.
Die Kanadier fielen enthemmt übereinander her. Sie hatten Großes (fast) geschafft. Sie hatten ihr WM-Märchen fortgeschrieben. Klar, der Ball rollte nochmal ein paar Minuten. Aber die ganz schwachen Südafrikaner fanden nicht auf einmal ins Spiel. Der Sieg, der historische Erfolg gerieten nicht mehr in Gefahr. Der Co-Gastgeber des Turniers hatten nicht nur zum ersten Mal die Gruppenphase überstanden. Kanada steht auf im Achtelfinale. Ob noch mehr möglich ist? Angesichts der drohenden Gegner Niederlande oder Marokko, eher fraglich.
Dramatische Geschichte des Matchwinners
Aber erstmal große Gefühle, den Moment genießen. Dieses Spiel, das heißer Anwärter auf das schlechteste der WM ist, das die britische Zeitung "Sun" als "Schnarchnummer" adelte, kannte plötzlich mehrere Helden. Vor allem Stephen Eustaquio, der eine besonders emotionale Geschichte zu erzählen hatte. "Alles, was ich tue", sagte der 29-Jährige, "mache ich für meine Familie – für meine Eltern, für meine Freundin, für meine Tochter. Für meine Freunde zu Hause. Für alle." Er rieb sich mit den Händen durch die feuchten Augen, seine Stimme stockte.
90.+2: Eustaquio schießt Kanada ins Glück

Eustaquios Mutter Esmeralda war 2023 an einem Hirntumor gestorben, er erfuhr davon während eines Spiels mit dem FC Porto und ließ sich deshalb umgehend auswechseln. Sein Vater Armando verstarb im Jahr darauf nach einem Herzinfarkt. Auch Trainer Jesse Marsch ließ die Geschichte seines Vizekapitäns nicht kalt. "Es gibt keinen, der es mehr verdient hätte in dieser unglaublichen Gemeinschaft. Er ist ein sehr zuverlässiger Mensch, er weiß, worauf es bei uns ankommt. Ich denke, seine Eltern haben heute aus dem Himmel zugesehen."
Ein anderer Held des Abends, weniger spielentscheidend, aber dafür emotional groß gefeiert: Bayern-Star Alphonso Davies. In der 75. Minute wurde er endlich eingewechselt, endlich war er WM-Spieler. Und schürt die Hoffnungen, dass das Märchen womöglich noch nicht zu Ende ist. "Klar, ich hätte ihn gerne auch früher gehabt", erklärte Coach Marsch. "Ich wollte aber auch, dass sich die Gegner Gedanken machen mussten." In der Vorrunde verzichtete Marsch aber noch auf den Kapitän, der wegen einer Muskelverletzung im Oberschenkel seit Anfang Mai kein Spiel absolviert hatte. Bis Sonntag: "Wir haben ihn jetzt vorsichtig eingesetzt."
"Wir sollten nicht zu enttäuscht sein"
Mit Davies auf dem Feld gelang Kanada der Lucky Punch. "Wir haben unsere Struktur beibehalten, wir hatten Chancen während des ganzen Spiels", bilanzierte Marsch und lobte sichtlich emotional "die harte Arbeit dieser Jungs" und "ihren Charakter". Sie seien "kanadische Helden, das habe ich ihnen gesagt, ich freue mich so für sie". Nach einer äußerst emotionalen Ansprache im Mittelkreis küsste der US-Amerikaner Marsch immer wieder das kanadische Wappen auf seinem Pullover, die Spieler liefen mit einer riesigen Flagge eine Ehrenrunde. Kanada wurde in der WM-Historie zum ersten Team, das als Gastgeber zu einer Partie antrat, die nicht im eigenen Land stattfand.
Sie hatten in diesem fürchterlich zähen Spiel mehr versucht als der Gegner, der mit einem xG-Wert von 0,14 offensiv eigentlich nicht existent war. Aber auch die Co-Gastgeber brachten lange Zeit trotz des höheren Invests kaum etwas zusammen. Beide Mannschaften waren wahnsinnig nervös und gar nicht aufeinander abgestimmt. Fehlpässe, falsche Läufe, Abwehr-Chaos. Das Spiel war ein schwer zu ertragendes Kuddelmuddel. Die wenigen guten Aktionen versandten fast immer in einer schlechten.
Kanada-Trainer mit emotionaler Ansprache auf dem Platz

Beide Teams spielten nicht, als ob sie gewinnen wollten. Beide Teams spielten, als ob sie nicht verlieren wollten. Die entsetzte "Gazzetta dello Sport" schrieb: "Kanada setzte sich in der Nachspielzeit eines bizarren Schachspiels durch, in dem die Mannschaft belohnt wurde, die ein wenig mehr Mut zeigte." Der südafrikanische Nationalcoach Hugo Broos wollte die Dinge so nicht stehen lassen, wollte seine Mannschaft nicht im schlechten Licht aus dem Turnier verabschieden: "Wir sollten nicht zu enttäuscht sein, was wir erreicht haben, ist gut, ich bin sehr stolz auf mein Team. "Südafrika habe die Erwartungen bei der WM tatsächlich übertroffen, betonte Broos. "Wir haben uns nach 24 Jahren wieder für die WM qualifiziert, wir haben zum ersten mal die K.o.-Runde erreicht. Das hatten wir erhofft, aber nicht erwartet." Bei der WM 2010 war Südafrika als Gastgeber automatisch teilnahmeberechtigt.
"Fußball ist auch Power und Tempo"
Das Spiel gegen Kanada habe gezeigt, ergänzte Broos, woran es Südafrika mit seinen Spieler aus der heimischen Premier Soccer League (PSL) im internationalen Vergleich fehle. "Fußball ist nicht nur Technik, Fußball ist auch Power und Tempo. Das ist die große Qualität von Kanada." Entscheidend sei nun, welche Lehren die heimischen Klubs aus der WM zögen, betonte Broos. Das Niveau der WM sei "zwei Stufen höher als in der PSL, heute hat man gesehen, was uns fehlt und woran wir arbeiten müssen - woran vor allem die Klubs arbeiten müssen."
Südafrika - Kanada 0:1 (0:0)
Tor: 0:1 Eustaquio (90.+2)
Südafrika: Ronwen Williams - Mudau, Okon, Mbokazi, Modiba - Sithole, Mokoena - Maseko (86. Moremi), Mofokeng (46. Mbatha), Appollis - Makgopa (86. Rayners); - Trainer: Broos
Kanada: Crepeau - Johnston, Bombito (59. de Fougerolles), Cornelius, Laryea - Buchanan (75. Davies), Saliba (59. Sigur), Eustaquio, Millar (70. Shaffelburg) - Jonathan David, Oluwaseyi (70. Promise David); - Trainer: Marsch
Schiedsrichter: Joao Pedro Silva Pinheiro (Portugal)
Gelbe Karten: - Saliba, Sigur
Zuschauer: 69.237 (in Los Angeles)
Von den 26 Spielern des südafrikanischen Kaders stehen 19 bei Klubs der PSL unter Vertrag, jeweils acht bei den Spitzenklubs Mamelodi Sundows aus der Haupstadt Pretoria und den Orlando Pirates aus Johannesburg .Zu seiner eigenen Zukunft wollte sich Broos nicht konkret äußern. Diese WM sei sicher seine letzte gewesen, betonte er, eine weitere Zusammenarbeit schließe er aber nicht aus. "Ich stehe immer zur Verfügung, wenn Menschen einen Rat brauchen."
